Einer,
den keiner übersieht, an dem niemand vorüber geht, der die Blicke auf
sich zieht,
Nur
wenige Kilometer vom Elbdeich entfernt wurde, Argentinus am 15. Februar 1980 bei
dem Landwirt Jacob Büther im niedersächsischen Hollern im Landkreis
Stade geboren. Seine Mutter Dorle war 15 Jahre alt, als sie den braunen Hengst
mit dem charakteristischen auslaufendem Stern und der Schnippe auf die Welt brachte.
"Dorle war ein treues, anständiges Pferd mit einem tollen Charakter",
erinnert sich Züchtertochter Jutta Hagner an die Staatsprämienstute.
"Sie war ein Arbeitspferd, ein bisschen schwer, eben ganz im Typ des damaligen
Hannoveraners."
Groß und schmal, elegant, aber ein wenig kantig - so zog Argentinus als Zweieinhalbjähriger auf dem Zuchthof Klatte im oldenburgischen Klein Roscharden ein. Seine Box - die erste auf der linken Seite im Hengststall - hat er nie verlassen. Argentinus gehört zur Familie wie kaum ein anderes Pferd. "Bei mir können Sie alles kaufen, nur meine Frau und meine Kinder, Grannus und Argentinus nicht", sagte Heinrich Klatte senior einmal. Auf der Körung selbst ließ sich sogar Körkommissar Uwe Heckmann zu Begeisterungsstürmen hinreißen, so imponierend präsentierte sich der zweieinhalbjährige Argentinus damals schon. Siegerhengst wurde jedoch der Waldlöwe-Sohn Waldstern, nur einen Rang dahinter fand sich der Klein Roschardener Neuzugang - Ib-Prämie. Zwei Jahre später ließ Argentinus seine Konkurrenten um die Hauptprämie - bewertet werden Eigenleistung und erster Fohlenjahrgang - hinter sich und rangierte unangefochten an erster Stelle. Diesen Sieg und den weiteren Triumphzug Argentinus' mitzuerleben, war seinem Züchter Jacob Büther nicht mehr vergönnt. Er starb 1984, als der erste Jahrgang von Argentinus geboren wurde, im Alter von 77 Jahren. Bereits bei der Hengstleistungsprüfung, die Argentinus 1983 in Adelheidsdorf absolvierte, bewies der Braune seine vielseitige Eignung. Mit 126 Punkten schloss er in einem 54-köpfigen Lot als Gesamtdritter ab. Vierjährig ging der Braune das erste Mal aufs Turnier - eine Springpferdeprüfung der Klasse A stand auf dem Programm. Souverän drehte Argentinus unter Andreas Nienaber seine Runde - erster Platz. Zur damaligen Zeit war es noch ein Novum, aktive Deckhengste im Turniersport vorzustellen. Ein Jahr später sammelte der Hannoveraner gelbe Schleifen in Springpferdeprüfungen der Klasse L. Auch den ersten Start unter Heinrichs Bruder Guido Klatte, der in Lastrup ein weltweit operierendes Transport-Unternehmen für Pferde betreibt, münzte er in einen Sieg um. Mittlerweile bis zur Klasse M erfolgreich, nahm 1987 erstmals die mittlerweile in Australien lebende Alexandra Klatte in Argentinus' Sattel Platz und stellte ihn in Stilspringen und Zeitspringen vor. Ob unter der Amazone, mit Guido, später mit Juniorchef Henrik - Argentinus stellte bis zum Alter von elf Jahren sein Potenzial auf Turnieren unter Beweis. Insgesamt sammelte er knapp 4.000 Euro an Gewinngeldern.
Leistungsbereitschaft - das ist wohl eines der Hauptcharakteristika des imposant aufgemachten Vererbers. Es gibt Hengste, denen sieht man ihr Ausnahmepotenzial an - Argentinus gehört ohne Zweifel dazu. Mit stolz gewölbtem Kragen tänzelt er an der Hand seines langjährigen Betreuers und Besamungswarts Werner Venekamp zur Deckstation. Ein herrisches Wiehern, ein aufgeregtes Schweifschlagen, Adern, die sich plastisch unter der Haut abzeichnen. "Ein Pferd mit hervorragendem Charakter", bezeichnet ihn Venekamp. Nur manchmal zaubert Argentinus seinem Vorführer kleine Schweißperlen auf die Stirn. Dann nämlich, wenn der Showman Publikum spürt. "Kein Trabtritt ist dann mehr möglich, auf der Stelle galoppierend, tänzelnd, piaffierend, wiehernd, schnaubend - so kennt man Argentinus auf unseren Hengstvorführungen und der Oldenburger Althengstparade. Dann macht er einfach was er will, verhält sich wie ein Dreijähriger, der das ganze Jahr nicht draußen war und dreht enorm auf." Im Stall aber, im Umgang, beim Putzen, Reiten, ja sogar beim Decken - ein Lamm. "Zuhause ist Argentinus immer lieb", so Venekamp. Doch es gibt noch eine Eigenart, die Argentinus wohl nie ablegen wird: Als hätte er ein Thermometer an seiner Box, zieht sich Argentinus bei Temperaturen über 15 Grad die Decke aus. Von selbst, versteht sich. Das Erstaunliche: "Morgens liegt die Decke dann in der Ecke, nicht zerrissen oder kaputt, nein, sie liegt einfach da wie frisch zusammengelegt. Beobachten konnten wir ihn noch nie, wenn er sie sich auszieht, aber er macht das so raffiniert und geschickt, dass wir anfangs dachten, jemand hätte vergessen, sie ihm anzuziehen", schmunzelt Ingrid Menne, Lebensgefährtin von Heinrich Klatte.
Abstammungsgemäß führt Argentinus klassisches Hannoveraner Leistungsblut in seinen Adern. Die Langlebigkeit scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein: Vater Argentan I, der als Beschäler des niedersächsischen Landgestüts Celle zeit seines Lebens auf der Traditions-Station Bargstedt gewirkt hat, wurde 29 Jahre alt. Muttervater Duden II erreichte gar 30 Lenze.
Argentan
I stellte neben
seinem bekanntesten Sohn Argentinus 18 gekörte Hengste und nicht weniger
als 119 Staatsprämienstuten. Gerne als klassischer Stutenmacher bezeichnet,
finden sich unter den Argentan I-Kindern auch wahre Spitzensportler: Aramis etwa,
der mit dem Amerikaner Mario Deslauries zum World Cup-Sieger im Springen gekürt
wurde. Argentan I, dessen schimmelfarbener Vollbruder Argentan II als Privathengst
in Bayern wirkte, kann als Doppelvererber im besten Sinne gelten. Über ihn
führt Argentinus das Blut des prägnanten Typvererbers Absatz, der ein
Sohn des über Generationen unverkennbaren Schmelz mitgebenden Trakehners
Abglanz ist. Argentan I gelang das Meisterwerk, an drei aufeinanderfolgenden DLG-Schauen
die Siegerstuten zu stellen, von denen Aragonia und Arabella 1979 und '83 zur
Bundessiegerstute gekürt wurden. Wo Argentinus draufsteht, ist auch Argentinus drin - Hengste, deren Nachkommen ohne einen Blick auf das Papier ihren Vater erkennen lassen, gibt es nicht viele. Der Klein Roschardener Hauptbeschäler gehört ohne Zweifel dazu. Bereits aus seinem ersten Fohlenjahrgang stammt der gekörte Hengst Azarro, der von 1987 bis '92 in Australien auf dem Gestüt von Heinrichs Bruder Ulrich Klatte wirkte. Dort war der Fuchs auf dem Dressurviereck bis St. Georg erfolgreich und hinterließ eine Reihe erfolgreicher Nachkommen. Zurück in Deutschland erwarb ihn der Mecklenburger Springreiter Holger Wulschner und stellte Azarro als Premierenhengst auf seiner neu gegründeten Station auf. "Ein Pferd mit unbegrenzten Möglichkeiten, viel Vermögen und großer Vorsicht", beschreibt Wulschner den Hengst, der mit ihm fortan unter dem Springsattel erfolgreich startete. 1995 wurde das Paar achter auf den Deutschen Meisterschaften, gewann mehrere S-Springen, stand auch in Mächtigkeitsspringen ganz vorne und platzierte sich 1996 auf dem größtem Turnier der Welt, dem CHIO Aachen.
Nach seiner internationalen Parcours-Karriere wurde wieder umgesattelt und Azarro sammelte unter Wulschners Frau Iris Schleifen im Dressurviereck. Ein Beweis der Doppelvererbung seines Vaters Argentinus. Azarro selbst spielt auch als Vererber eine gehörige Rolle: Sein Sohn Astello wurde 1997 Körsieger von Mecklenburg und startete ein Jahr später in der Konkurrenz um das Bundeschampionat der Reitpferde. Mehrere Azarro-Nachkommen sind bereits S-platziert, darunter die nach ihren Auftritten im Bundeschampionat-Finale der sechsjährigen Springpferde nach Kanada verkaufte Stute Amber. Über 30.000 Euro beträgt die Lebensgewinnsumme der Azarro-Nachkommen, der Hengst selbst kann auf nahezu dieselbe Summe blicken.
Auch
der zweite, 1985 geborene, Jahrgang von Argentinus kann mit einem Ausnahme-Highlight
aufwarten: Die Stute Autogramm, gezogen aus einer Grannus-Mutter, avancierte unter
Thomas Mühlbauer zu einem der erfolgreichsten internationalen Springpferde.
22-jährig siegte der Bayer mit ihr in den Nationenpreisen von Prag und Sopot,
gewann 1994 das Volvo-Cup-Finale in Dortmund und siegte ein Jahr später im
Großen Preis von San Sebastian. "Autogramm war das Pferd, das mich
nach oben brachte, mit ihr bin ich durch dick und dünn gegangen. Zu Hause
war sie sehr schwierig, 'die Verrückte' hieß sie bei uns nur, aber
auf dem Turnier gab sie alles und kämpfte voll mit", denkt Mühlbauer
zurück. Autogramm, die knapp 300.000 Mark Lebensgewinnsumme vorweisen kann,
steht noch immer auf seiner bayerischen Anlage und bekam 2002 ein Hengstfohlen
von Rasso.
Doppel-Olympiasieger Lars Nieberg hat mit dem 1993 geborenen Adlantus As ein Pferd internationalen Formats unter dem Sattel. Der gekörte Hengst hat bereits über 43.000 Euro im Parcours gewonnen. Einer der ersten hoch erfolgreichen Sportpferde von Argentinus war der 1984 geborene, von Heinrich Klatte selbstgezogene, Aramis, der unter Hans-Günther Gleis elf schwere Springen gewann. Gerd Wiltfang hatte mit dem 1987 geborenen Argentario ein Pferd unter dem Sattel, in dessen Nennungsscheckheft nicht weniger als 46 S-Siege und Platzierungen stehen.
Auch der gegenwärtig erfolgreichste Reiter der Welt, Ludger Beerbaum, hatte mit der Stute Grace Argentina ein international siegreiches Pferd im Stall.
Für schnelle Runden bekannt war Furiosa unter Elmar Gundel, die in mehreren Zeitspringen ganz vorne stand.
Doch nicht nur die internationalen Parcours dieser Welt versorgte Argentinus in bestechender Konstanz, auch auf dem Dressur-Viereck glänzten seine Nachkommen. Amaretto, westfälisch gebrannt und aus einer Ehrenfried-Mutter gezogen, sollte unter Dressur-Queen Isabell Werth die Nachfolge keines Geringeren als des Ausnahme-Pferdes Gigolo antreten. Doch die Karriere des Dunkelbraunen endete abrupt: 1998 musste Amaretto nach einer Kolik eingeschläfert werden.
Den Tag seines Todes bezeichnet Isabell Werth als einen der schwärzesten Tage ihres Lebens. Zweimal konnte sich die Juristin mit Amaretto, der für umgerechnet rund 75.000 Euro über die Performance Sales Auction in Ankum ging, die Deutschen Meisterschaften für sich entscheiden, sammelte 34 Grand Prix-Siege mit ihm. "Ein Pferd mit einer unwahrscheinlichen Elastizität, einer exzellenten Piaffe und Passage sowie außergewöhnlicher Bewegungsqualität - kurz, ein absolutes Weltpferd", resümiert Dr. Uwe Schulten-Baumer über den Argentinus-Sohn. Mit dem bunten Fuchs Aleppo S hatte Isabell Werth noch einen zweiten Argentinus unter dem Sattel, der nun von Ellen Schulten-Baumer vorgestellt wird. Aleppo S, aus einer Figaro-Mutter gezogen, war 2001 mit umgerechnet rund 21.000 Euro Gewinnsumme das gewinnreichste ehemalige Vechtaer Auktionspferd. "Mein kleines Flugzeug" nannte ihn Isabell Werth einmal - seiner gewaltigen Bewegungen wegen.
Den Sprung in die internationale Spitze, in den Olympia-Kader, in das Championats-Team der Europameisterschaft 2001 - das alles verdankt Heike Kemmer dem Argentinus-Sohn Albano. Mit dem Oldenburger gewann Kemmer europäisches Mannschaftsgold und holte sich 2000 Silber, ein Jahr später Bronze auf den Deutschen Meisterschaften. "Immer einsatzbereit und leistungsfähig, jeden Tag gut gelaunt und immer willig, sein Bestes zu geben - das ist Albano. Durch seinen Ehrgeiz ist er manchmal etwas übereifrig, aber das ist wirklich das einzige "Problem", wenn man es so nennen will, das dieses Pferd hat", so Heike Kemmer.
Einer, der gerade vor dem Sprung in die Grand Prix-Ebene steht, ist der Hengst August der Starke. Er sorgte bereits im Alter von vier Jahren für eine Sensation: Mit dem Zuschlag von 667.000 Mark, rund 334.000 Euro, avancierte er auf der Vechtaer Frühjahrs-Auktion 1999 zum bis dato teuersten je auf einer Verbandsauktion versteigerten Reitpferd. Sissy Max-Theurer ersteigerte ihn für ihren Stall im österreichischen Rohr. Mit Wertnoten über 9,0 siegte der aus einer Landadel-Mutter gezogene Oldenburger serienweise in Dressurpferdeprüfungen bis zur Klasse M.
Ein weiterer bedeutender Argentinus-Sohn ist der imposant aufgemachte Hengst A Jungle Prince, der 1993 das Bundeschampionat der sechsjährigen Dressurpferde unter dem Rheinländer Thomas Schmitz gewinnen konnte. Aus einer Pik König-Mutter gezogen, deckte der Fuchshengst vier Jahre auf der Hengststation Pape, von wo aus er unter Susan Draper Siege in der schweren Klasse verbuchen konnte und auf Grand Prix-Niveau international unter Schmitz startete. A Jungle Prince's Sohn Avantgarde wurde 1998 mit der Ic-Prämie in Oldenburg ausgezeichnet und deckt nun im sachsen-anhaltinischen Landgestüt Radegast-Prussendorf. "Ein wunderbares Pferd mit allen Möglichkeiten", charakterisiert Isabell Werths langjähriger Trainer Dr. Uwe Schulten-Baumer den A Jungle Prince-Sohn Aldebaran, den er auf der Vechtaer Frühlingsauktion 2000 erworben hatte. Bereits fünfjährig qualifiziert für das Bundeschampionat, gilt der Oldenburger als große Nachwuchshoffnung für Ellen Schulten-Baumer.
Nahezu
in allen Zuchtgebieten stehen Argentinus-Söhne im Deckeinsatz. Das Rheinland
hat mit Aquilino einen Hengstleistungs-Prüfungssieger, der unter Nationenpreisreiter
Peter Weinberg zahlreiche Springpferdeprüfungen für sich entscheiden
konnte. Der aus der Elitestute Journesse gezogene Oldenburger kann bereits selbst
zwei gekörte Söhne vorzeigen: Aquilino Son und Acido. Bayerische Farben
vertritt der Schwaiganger Landbeschäler Asti Spumante, einstiger Publikumsliebling
der 97er Körung von Oldenburg und unter Thomas Mühlbauer siebenjährig
bereits in schweren Springen erfolgreich.
Doch
seine Söhne alleine sind es nicht, die Argentinus als Vererber so wertvoll
machen. Eine Argentinus-Stute im Stall hat schon so manchem Züchter erfolgreiche
Nachkommen beschert. Noch lange nicht zu Ende ist die Liste der zucht- und sporterfolgreichen Argentinus-Nachkommen. Und jedes Jahr kommen ein paar weitere Highlights hinzu. Pferde, denen man oft schon im Gesicht ansieht, wer für sie verantwortlich ist: Argentinus. Ein Hengst, der seinen Weg gehen wird - so begann die Geschichte des Ausnahmevererbers. Und das tat Argentinus - von Klein Roscharden aus mit großen Tritten in die große Welt des Pferdesports. Story von Julia Wentscher |