Erfolg hat viele Väter. Vater Zufall dürfte einer der entscheidensten Faktoren sein, spricht man über Karrieren von Spitzenpferden. Auch Donnerhall hat von Väterchen Zufall profitiert. Mehr als einmal.

Als die Stute Ninette am 30.5.1981 fohlt, ist Züchter Otto Gärtner zur Stelle, wie stets. In Wensin bei Traventhal hat er einen kleinen Stall und ein paar Weiden. Satter, guter Boden. Die Holsteinische Schweiz ist nicht nur während der Rapsblüte ein schöner Landstrich. Eine Gegend, die förmlich danach schreit, Stuten und Fohlen zu beherbergen. Otto Gärtner gehört nicht zu den großen Züchtern, die mit fünf oder mehr Stuten züchten. Mal sind es zwei, mal drei Stuten - je nachdem wieviele Stutfohlen zur Welt kommen, und wieviel er sich von den kleinen Stütchen verspricht. Ob er sie aufziehen möchte, ob sie selbst einmal Zuchtstuten werden sollen. Dabei ist Gärtner ein Mann mit Prinzipien: "Hauptsache: schwarz". Sein Faible für Rappen liegt in der Kindheit begründet: Gärtner stammt aus Schlesien, vor dem Krieg das Nachzuchtgebiet der Oldenburger. Schwere, kalibrige Karrossiers - von Sport, von Springen oder Dressur, ist da noch lange nicht die Rede. Der kleine Otto wächst mit der Vorstellung auf: Ein Pferd ist schwarz, kräftig und zeigt - vor der Kutsche - viel Dynamik. Legt sich richtig in die Stränge und begeistert durch die charakteristische Knieaktion. Nicht übertrieben, aber genügend ausgeprägt. Ein Oldenburger eben.

Und die züchtet Otto Gärtner auch in seiner neuen Heimat Ostholstein. Lange mußte er suchen, bis er eine Stute findet, die all diese Merkmale aufweist: Ninette. Eine Oldenburger Stute aus der Umzüchtungsphase: Ihr Vater Markus ist Halbblüter, stammt von Manolete xx ab. Einem Schlenderhaner, der sich auch in dem Pedigree der Militarylegende Volturno wiederfindet - übrigens ein Vererber, der sogar noch vor Donnerhalls Einstand Zucht und Sport zusammenbrachte. Ninette kann Manolete xx nicht verleugnen. Geht man auf Blickkontakt, dann ist da das große schwarze Auge des Vollblüters, das einem offen entgegenstrahlt. Auch sonst kann Ninette ihre Vorfahren nicht abstreiten. Über 100 Jahre züchterisches Engagement fließen in ihren Adern. Alle Stuten ihrer Familie beginnen mit dem Buchstaben N - Indiz für die Pflege eines Stutenstamms in jenem Zuchtgebiet, das seit Jahrhunderten auf private Hengsthaltung setzt. Daß die Residenzstadt OIdenburg vom 30jährigen Krieg unberührt blieb, verdanken die Oldenburger einem ganz besonderen Geschenk an die marodierenden Truppen unter General Tilly: Pferde schenkte der Herzog, sie stimmten den Wüterich sanft, ließen ihn in Wardenburg, kurz vorm südlichen Stadttor verharren.

Legende oder historische Wahrheit? Die Geschichtsschreiber sind sich einig. Schwarz auf weiß kann man es in den Chroniken nachlesen. Bis in die Zeit des Grafen Anton Günther zurück lassen sich die Spuren der Familie, die einmal den umjubelten DLG-Siegerhengst Donnerhall hervorbringen sollte, nicht verfolgen. Aber bis ins 19. Jahrhundert: 1884 ist als Geburtsdatum für Nagate, eine Tochter des Hengstes Naumann, in den alten Stutbüchern des Verbandes der Züchter des Oldenburger Pferdes verzeichnet. Auch wenn die Tinte ein wenig verblaßt ist, sieht man den geschwungenen Lettern an, mit wieviel Mühe der Name zu Papier gebracht wurde. Schönschrift statt elektronischer Datenverarbeitung.

Nagate ist bei Esensham zuhause. Ein kleiner Flecken in der Wesermarsch. Zwischen der Weser und dem Jadebusen. Rodenkirchen - heute eher unbedeutend und nur durch das nahegelegene Atomkraftwerk Unterweser in den 80er Jahren in den Schlagzeilen - ist nicht weit. Und Rodenkirchen ist Sitz des Nordoldenburger Pferdezuchtverbandes. Eine Organisation mit weltweitem Ruf. Was heute der Klassiker aus Sindelfingen ist, der gute Stern nicht nur auf deutschen Straßen, das ist damals das Kutschpferd aus den Marschen Nordoldenburgs. Ein Statussymbol, ein Kultobjekt. Damals wie heute gilt: Man fährt schwarz, lackschwarz.

Die Linie der Nagate zeichnet sich durch Langlebigkeit aus: Beim Blättern in den alten Bänden, die heute im Tresor lagern beim "Verband der Züchter des Oldenburger Pferdes", trifft man sie immer wieder: Stuten mit dem "N" am Anfang, die vielen Fohlen das Leben geschenkt haben. Verkäufe ins Ausland sind notiert. Um 1910, als das deutsche Kaiserreich in seinen letzten Zügen liegt. In den schwierigen Jahren des ersten Weltkriegs heißt es Dienst fürs Vaterland leisten - Stuten werden an die Kavallerie abgegeben.

Aber der Stamm überlebt die Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile weitverzweigt, über das gesamte Oldenburger Zuchtgebiet, das aus dem Nord- und dem Südoldenburger Pferdezuchtverband fusioniert ist. Otto Gärtners Ninette ist am Dümmer, also kurz vor Osnabrück geboren. Sie ist schwarz, sie läßt Kindheitserinnerungen an die Jugend in Schlesien wach werden. Also wird sie gekauft. Erste Bedeckung: Furore, einer der ersten Furioso II-Söhne. Ein Rappe, was sonst. Es fällt ein Stutfohlen, ebenfalls Rappe. Herz, was willst Du mehr...


Über ein Jahrzehnt ein Ergfolgstrio
Karin, Herbert und Donnerhall


Donnerhall als 9jähriger Hengst

Donnerhall, 9jährig