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Polydor
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Polydor - ein Pferd mit WürdeNahezu die komplette Weltelite der Springreiter nahm in den Sätteln seiner Kinder Platz und sprang mit ihnen in die Siegeslisten bedeutender Turniere: Der nordrhein-westfälische Landbeschäler Polydor gilt als einer der erfolgreichsten Produzenten von Sportpferden auf dem Globus, trug zweimal die Auszeichnung „Sire of the world“ - weltbester Springvererber. Weit über vier Millionen Euro betrug die Lebensgewinnsumme seiner Nachkommen 2004. Das Freispringen hatte er wohl noch nicht so geübt“, erinnert sich Dr. Lehmann. Dass hier einer der erfolgreichsten Vererber Deutschlands heranreifte, das konnte man wahrlich noch nicht erkennen. Auch eine Karriere als Landbeschäler war für den nach seinem ein Jahr älteren gekörten Vollbruder Polarstern I auf den Namen Polarstern II getauften Hengst noch nicht in Sicht. So kam es, dass der junge Westfale ins belgische Nachbarland abwanderte. Aber dort wurde er nicht gerade mit offenen Armen empfangen – ganz im Gegenteil: Auf der Körung des belgischen Warmblutzuchtverbandes schmetterte man den Dunkelbraunen ab. Und dann trat eine Wende ein, die man nur mit züchterischem Weitblick und wahrer Passion beschreiben kann: Münch kaufte seinen Hengst zurück. „Ich war einfach überzeugt von seiner Qualität und wollte verhindern, dass er im Nichts verschwand.“ Neben dem Glauben an sein Pferd tat auch die erstklassige Abstammung einiges zu dieser Entscheidung. Polydor stammte vom Kör-Reservesieger von 1967, Pilatus, der später mit Pilot einen zweiten Jahrhundertvererber gebracht hat.
Polydors Vater Pilatus Pilatus wiederum ist ein Sohn des Perseus, der von dem importierten Vollblüter Pluchino xx stammte. Mit Duellant führt Perseus einen Bewegungs- und Leistungsvererber Hannovers in seinem Pedigree. Mütterlicherseits stammt Polydor von Frühlicht, der international erfolgreiche Sportpferde brachte. „Polydors Mutter wurde 24 Jahre alt und hat 13 Fohlen gebracht. Sie kommt aus einem westfälisch-hannoverschen Stamm, aus dem grundsolide Pferde kamen“, weiß Polydors Züchter Münch. Dann trat ein Schnittpunkt ein, den man im Nachhinein nur als glückliche Fügung bezeichnen kann. Aus dem Lot, das Lehmann auf Polydors Körung erworben hatte, fiel ein Hengst durch gesundheitliche Probleme aus. Münch, glücklicherweise nicht durch falschen Stolz blockiert, fragte erneut bei Lehmann an, ob Interesse an dem wieder erworbenen Polydor bestünde. Dann war der Weg frei für den Junghengst. Das niederrheinische Wesel schließlich wurde die neue Heimat von Polydor. 50 Stuten wurden ihm in seiner ersten Saison zugeführt. „Alle lobten den Hengst, er sei ein anständiger Kerl, man könne gut mit ihm umgehen“, weiß Lehmann. Dann kam das gespannte Warten auf den ersten Fohlenjahrgang. Ein klein wenig bange war es dem Landstallmeister doch ums Herz. Denn er befürchtete, dass sich bei Polydors Vererbung der Typ seiner Mutter – etwas derb mit kleinen Mängeln in Hals und Hinterbein – durchsetzen würde. Und tatsächlich: „Ein gewisser Prozentsatz auf der Fohlenschau wies einige Nachteile auf.“ Experten-Stimmen wurden laut, die - wie sich Rheinlands Zuchtleiter Martin Spoo erinnert - provokant fragten: „Was will man mit all den schrecklichen Tieren?“ und forderten: „Der Hengst muss weg.“ Doch die Weseler hielten zu ihrem Polydor. Um zu ermöglichen, dass der Landbeschäler weiter gut von den Züchtern genutzt wurde, dachte man sich eine Forderung aus. „Wer Polydors sehr begehrten Boxennachbarn Foxtrott nutzen wollte, musste auch eine Stute zu Polydor bringen“, berichtet Spoo. Reich wurden die Züchter allerdings nicht von diesem Nachwuchs. Das sollte sich Jahre später grundlegend ändern.
Schrieb sich trotz dornenreicher Karriere Nachdem Polydors Vererbung in der Anfangszeit niemanden vom Hocker riss, seine Kinder sich zwar beim Freispringen ordentlich zeigten, aber nicht gerade durch ihre spektakuläre Art glänzten, kam der Tag, der wie ein Paukenschlag einschlug. Der das Blatt komplett wendete, der genau zur rechten Zeit kam, der der Karriere eines der besten Springpferdevererber der Welt den dringend benötigten Impuls gab: Der Tag, an dem die Konkurrenzen um die Bundeschampionats-Titel der fünf- und sechsjährigen Springpferde die Fachwelt erstaunen ließen: 1984 stammten beide Sieger von Warendorfs Landbeschäler Polydor. Pirat und Pirol hießen die beiden Botschafter ihres Vaters, der damals bereits zwölf Jahre alt war. Einen solchen Doppelerfolg auf der inoffiziellen „Deutschen Meisterschaft der jungen Pferde“ zu vollbringen - das hat Polydor bisher kein Hengst nachmachen können. „Von dem Tag an wurden Polydor-Nachkommen wie Gold gehandelt“, weiß Spoo.
Pamina mit Otto Becker Der Stute gelang die Ausnahme-Leistung, mit den German Classics in Bremen und dem Großen Preis von Calgary die beiden höchstdotierten Prüfungen der Welt innerhalb eines Jahres zu gewinnen und war 1990 das erfolgreichste Pferd aus deutscher Zucht. „Pamina war ein Pferd mit überragenden Möglichkeiten, sie hatte eine hervorragende Leistungsbereitschaft“, lobt Otto Becker die Stute. Zu olympischen Ehren gelangte Pamina 1992 unter italienischer Flagge mit Valerio Sozzi. Er nahm mit ihr auch erfolgreich auf der Europameisterschaft 1993 und der Weltmeisterschaft in Den Haag teil.
Padua mit Ralf Schneider „Noch heute denke ich mit Begeisterung an dieses Pferd zurück, sie hatte nicht einen Tag, an dem sie nicht Alles gab“, spricht Ralf Schneider seiner Erfolgsstute ein hervorragendes Zeugnis aus. Aus einer holsteinisches Blut führenden Mutter von Aladin gezogen, brachte Padua vor ihrer Sportkarriere den gekörten Zeus-Sohn Zandor Z, der dreimal erfolgreich an den Weltmeisterschaften für junge Springpferde in Lanaken teilnahm und unter Jos Lansink den Großen Preis von Bordeaux 1999 gewann. Welch herausragende Leistungskraft in Paduas Genen steckt, beweisen die unter Jan Tops in Großen Preisen siegreiche Vollschwester Sonora la Silla und Poor Boy, der mit Lesley McNaught und Beat Mändli internationale Erfolge einstrich. Sonora la Silla brachte mit Zeus den unter Holger Hetzel ebenfalls international erfolgreichen Zodiac. Ihr letztes S-Springen gewann Padua 2002 17-jährig in Hagen. Damit war die Stute zehn Jahre lang beständig in der S-Klasse erfolgreich. Eine Erfolgsbilanz, die unterstreicht, was Polydor dominant vererbte: Härte und Langlebigkeit. „Potsdam ist ein Pferd, das unwahrscheinlich arbeiten will, ein Pferd, von dem jeder träumt, eines, bei dem Reiten zum Hochgenuss wird“, schwärmt Johannsmann über den Rappen. Auch die Summe, die Potsdams Nachkommen bisher „erwirtschaftet“ haben, kann sich sehen lassen: Sie liegt bei 93.210 Euro. Mit Pascavello hat er einen gekörten Sohn, der aus einer Holsteiner Mutter von Cor de la Bryére-Farnese gezogen ist und im Landgestüt Warendorf deckt. Dass Potsdam auch auf der Mutterseite ein echter Volltreffer sein kann, zeigte sich auf der nordrhein-westfälischen Fohlenauktion 2003: 30.000 Euro kostete Figo, abstammend von Fürst Piccolo-Potsdam.
Potsdam unter Heinrich-Willhelm Johannsmann
Polany Der Rheinländer war 1990 Körungssieger und gewann seine HLP mit 130,54 Punkten. Polany führt über seine Mutter Fabel, die dem berühmten Vornholzer Stutenstamm der Finnländerin entstammt, viel Blut - Usurpator xx, Ramzes x und Sinus xx finden sich in ihrem Pedigree. Der Hengst selbst war unter Marcus Döring erfolgreich in schweren Springen. Polanys Sohn Polano, ebenfalls HLP-Sieger, ließ die Gebote auf der PSI-Auktion auf 650.000 Mark klettern. Wegen seiner Bewegungsstärke und Rittigkeit war Polano in die Dressurkollektion eingereiht. Nach Polanys Körung im Jahr 1990 schaffte es Polydor, beinahe jedes Jahr mindestens einen gekörten Sohn zu liefern. 1991 waren es gleich drei - neben Potsdam dessen ein Jahr älterer Vollbruder Puschkin D und der aus einer Feuerzauber-Mutter gezogene Point, der im sächsischen Landgestüt Moritzburg wirkt und 2004 eine Nachkommens-Lebensgewinnsumme von über 38.000 Euro nachweisen kann. 1991 war auch das Jahr, in dem Polydor nach den Erfolgen seiner Nachkommen die „Bundesliga“ der Vererber anführte.
Erst unterschätzt, dann erfolgreich und begehrt: Pontifex Zwei Jahre später begann mit der Körung von Pontifex eine wechselhafte Geschichte, die sich mit einer noch lange nicht zu Ende gehenden Erfolgsstory krönte. Der aus einer Dialekt-Mutter gezogene Hengst zog ins Landgestüt ein und nur sieben Jahre später wieder aus – er könne nicht springen und würde sich schlecht vererben sagte man ihm nach. Diesen Gerüchten strafte Pontifex in seiner neuen Heimat, dem Stall Gripshöver, Lügen: Erst trug er Bereiter Oliver Schaal zum Goldenen Reitabzeichen, dann feierte er mit Lutz Gripshöver internationale Erfolge. Als Pontifex‘ Nachkommen im richtigen Alter viel Werbung für ihren Vater machten, eröffneten Gripshövers eigens eine Deckstation für den Hengst. Polyfee ist so eine, die ihren Erzeuger nachhaltig ins Gespräch bringt. Neunjährig gewann sie das Finale der Youngster Tour 2003 in Münster. „Sie ist unheimlich ehrgeizig und hat das enorme Vermögen ihres Vaters geerbt“, berichtet Gripshöver, der mit ihr im Weltcup platziert war und Dritter im Großen Preis von Dortmund wurde. 2004 verdienten Pontifex‘ Nachkommen rund 113.730 Euro. Tendenz steigend. Der Vergleich mit der Karriere seines Vaters scheint nicht ganz aus der Luft gegriffen.
Ein Gesicht, das Charakter zeigt: Auch Polygraf, aus einer Joachim-Mutter gezogener Westfale, stand 1993 im Körlot. Hengste wie Pronto, Poleander, der in Belgien wirkende Polidiktus van der Helle, Polyfox und der mit Inzucht auf Pilatus aus einer Pilot-Mutter gezogene, im Besitz von Paul Schockemöhle stehende Pontoromo sowie viele andere - insgesamt 32 - folgten. Der bisher letzte, treffend auf den Namen Polydor’s Erbe getauft, wurde 2002 in Münster-Handorf gekört. Er ist ein Vollbruder zu Pikachu, der mit fünf weiteren aus der väterlichen Linie von Polydor stammenden Hengsten das Blut dieses Ausnahmevererbers in Warendorf erhält. Zwei davon, Prado und der bunte Fuchs Peking, stammen vom rheinischen Privatbeschäler Polytraum. Mütterlicherseits reiht dieser 1994 geborene Hengst über Frühlingstraum II-Bariton-Angelo xx Westfalens Hauptbeschäler in einer Reihe auf. Selbst zum Prämienlot seiner Körung 1996 zählend, stellte Polytraum bereits aus seinem zweiten Jahrgang mit Prado den Reservesieger der nordrhein-westfälischen Körung 2001. Aus einer Lancer II-Mutter gezogen, sorgte Prado für Aufsehen bei seinem ersten Auftritt im Rampenlicht: „Im Freispringen einer der Besten des deutschen Jahrgangs 1999“, lobte Martin Spoo den Landbeschäler. Als mit 123,62 Punkten Gesamtdritter absolvierte Prado auch seine Hengstleistungsprüfung im Vorderfeld. Herausragendes Springvermögen - dafür sind Polydor-Kinder weltbekannt. Einer der in Großen Preisen erfolgreichsten Botschafter ihres Vaters war die Stute Bellenuit. Unter Otto Becker kam die westfälische Polydor-Adlerblick-Tochter zu sensationellen Erfolgen: Paris 1993, Frankfurt 1994, Geesteren ’96, Ascona ’97 - Meilensteine in der Karriere des Paares.
Bellnuit mit Otto Becker
Pozitano mit Beat Mändli Die Hoffnungen, die mit seinem Kauf verbunden waren, hat Pozitano, 1994 für 440.000 Mark versteigert, mehr als erfüllt. Als „Traumpferd mit Springvermögen ohne Ende“ bezeichnet sein Reiter Beat Mändli den Wallach. 1999 war der Rheinländer mit dem Sieg im Nationenpreis von Aachen und Mannschafts-Silber bei den EM in Hickstead Vizechampion der Weltrangliste und wurde ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Sydney mit Mannschafts-Silber dekoriert. 2001 konnte sich der aus einer Waidmannsdank xx-Mutter gezogene Dunkelbraune erneut als Vizechampion der Weltrangliste in die Phalanx der Springelite einreihen und war das gewinnreichste Pferd aus Nordrhein-Westfalen. Zuvor sammelte sie Erfolge unter Ray Texel und war 2000 als Olympiapferd für die Schweiz nominiert, ehe sie für angeblich 4,8 Millionen Mark in die USA wechselte.
Paramok mit Franke Sloothaak
Im Alter ergraut, aber immer noch von großer Ausstrahlung: Polydor Auch Polydor - bis M-Dressur ausgebildet - glänzte auf den Hengstparaden in der großen Quadrille. „Es hat Freude gemacht, ihn zu reiten- er konnte sich schön präsentieren, hatte eine unheimliche Einstellung“, zollt ihm sein langjähriger Reiter, erster Hauptsattelmeister a.D., Klaus Tönsfeuerborn, Respekt. Doch wehe, in Polydors Sattel nahm ein Reiter Platz, der nicht ganz so stark war. „Den konnte er alt aussehen lassen. Eine kleine Portion Sturheit zählte schon zu seiner Persönlichkeit“, erzählt Susanne Rimkus. Dennoch: Polydor war beliebt im ganzen Gestüt. „Er war immer da, wenn man ihn brauchte - stets fleißig, nie müde, immer den Überblick behaltend ohne verrückt zu werden. Polydor war jederzeit an allen Stellen einzusetzen - im Geschirr wie unter dem Sattel“, denkt Dr. Lehmann zurück.
Im Pferdemuseum Münster begrüßt der ausgestopfte Polydor die Besucher Sein ehemals recht unscheinbares Äußeres hatte Polydor längst in eine besondere, ihm eigene Ausstrahlung umgewandelt. „Er hatte etwas von Würde in seinem Blick“, sagt Rimkus. Die hatte er sich auch verdient - es gibt wenige Hengste, die anfangs so unterschätzt wurden und sich trotzdem zu absoluten Ausnahmevererbern entwickeln konnten. „Zu Anfang seiner Karriere war es wenigen Menschen vergönnt, zu wissen, was da für ein Hengst vor ihnen steht“, meint Horst Ense, Vorsitzender des Bereiches Zucht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Eine Kolik mit Herz-Kreislauf-Versagen bereitete Polydors Leben am 18. April 2000 ein Ende. „Das war einer der schrecklichsten Momente in meiner Laufbahn“, erzählt Rimkus nachdenklich. „Bei einem so legendären Hengst, der tags zuvor noch Besuchergruppen fit und strahlend empfing, das Ende zu bestimmen ist nicht leicht. Doch es ging ihm so schlecht, dass wir ihm weitere Leiden ersparen wollten und ihn einschläfern ließen.“ Ausgestopft wurde Polydor im Pferdemuseum von Münster aufgestellt und begrüßt dort jeden Besucher. Ein besonderes Pferd mit einem besonderen Charakter ...
... und einer besonderen Biografie - Polydor eben. |


















