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Donnerhall
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Donnerhall - ein legendärer DressurstarDenkmäler zieren die Welt. Einige sind groß, riesig groß. Etwa die Sphinx in Ägypten. Die meisten geben sich aber bescheidener. Sie müssen ihre Größe nicht durch überdimensionale Ausmaße unter Beweis stellen. Sie sind groß. "Große Gedanken kommen aus dem Herzen", schreibt der französische Philosoph Luc de Clapier. Das gilt auch für Pferde, zumindest für einige, für ganz besondere. Pferdedenkmäler gibt es reichlich. Die Kunstgeschichte ist voll davon: Der Parthenonfries des griechischen Altertums, das Gemälde von Graf Anton Günther, hoch zu Roß auf dem legendären Kranich; Schimmelfan Napoleon vor Waterloo oder Friedrich der Große, der - das Brandenburger Tor im Rücken - gen Schloßplatz schaut, in Berlin, unter den Linden. Historische Persönlichkeiten. Die Pferde sind Staffage. Was zählt, ist der Mann im Sattel. Vergangenheit. In der heutigen Zeit ist vieles anders. Die Mächtigen der Gegenwart werden sich wohl kaum auf dem Pferderücken verewigen lassen. Bill Clinton in Bronze? Wahrscheinlich wird er als Zigarrenraucher oder als Jogger mit Turnschuhen der Nachwelt überliefert werden. Vielleicht mit geblähten Nüstern - aber das ist wohl auch die einzige Parallele. Und Helmut Kohl steht eher die staatsmännische Geste, als die Dynamik eines dahinpreschenden Pferdes. Immerhin: Bundeskanzler Gerhard Schröder wird eine gewisse Affinität zu Pferden nachgesagt. Doch auch heute gibt es noch Bildhauer, die Bronzen gießen. Bronzen von Pferden. Nur bedarf es - im Falle unseres Helden - keines Herrschers oder Feldherren als Vorbild. Er selbst gibt Anlaß genug. Er ist ein Denkmal. Eine lebende Legende: Donnerhall.
Auch wenn es nie zum ganz großen internationalen Einzeltitel gereicht hat. So wie ihn Halla errungen hat, die vor dem DOKR in Deutschlands Reiterzentrale Wahrendorf steht. In Lebensgröße. Das Phänomen Donnerhall - es läßt sich nicht in DM ausrechnen, anhand von Medaillen vergegenwärtigen oder in nüchterne Zahlen fassen. Donnerhall hat den Brückenschlag geschafft zwischen Spitzenleistungen im Dressurviereck und herausragender Vererbungskraft. Zucht und Sport - Hand in Hand: eine Devise, die heute unbestritten ist. Die Maßstäbe setzt. Eine Devise, die es ohne eine einzigartige Erscheinung wie Donnerhall nicht geben würde. Ohne die glücklichen Umstände, die den Dunkelfuchs auf dem Grönwohldhof aufwachsen ließen, ohne den unvergessenen Mäzen Otto Schulte-Frohlinde, vor allem aber ohne Karin und Herbert Rehbein, die aus dem Musterschüler einen Professor - summa cum laude - machten. Daß es möglich ist, einen Hengst, einen aktiven Beschäler bis zu deutschen Meisterschaftswürden zu bringen, so recht hat das zuvor niemand glauben wollen. Gut - die Hengste der Landgestüte, die zeigen auch ihre Talente. Piaffieren und passagieren auf den jährlichen Hengstparaden. Präzise ausgebildet nach den Prinzipien der Reitlehre, die ja als Wissenschaft an den Fürstenhöfen und eben dort in den Gestüten gepflegt und vervollkommnet wurde. Aber das ist Show. Turnieratmosphäre - das ist ein ganz anderes Kapitel. Da sitzen Richter, da wird bewertet. Und das soll funktionieren mit einem Deckhengst? Es funktioniert. Und wie! Donnerhall und die Rehbeins haben es unter Beweis gestellt. Mehr noch: seine gekörten Söhne eifern gerade auch in dieser Hinsicht ihrem Vater nach. Sind Bundeschampions, Leistungsprüfungssieger und erfolgreich bis Grand Prix. Umdenken - das ist gerade in der Pferdesportszene nicht einfach. Zu individuell die Vorstellungen der verschiedenen Beteiligten, zu verkrustet die Ansichten. "Zucht ist Zucht und Sport ist Sport" - diese Annahme begleitete skeptisch Donnerhalls erste Schritte. Diejenigen, die beides unvereinbar sahen, mußten eingestehen: "Ja, wir haben uns getäuscht". Die Züchter betraten Neuland: Der Hengst ist auf dem Turnier, die Stute kann nicht gedeckt werden. Das ist der saure Apfel, die bittere Pille, die ersteinmal geschluckt sein will. Glücklicherweise versüßt durch die aufkommende künstliche Besamung. Die nicht immer, aber doch immer öfter Rettung in der Not verspricht.
Erfolg hat viele Väter. Vater Zufall dürfte einer der entscheidensten Faktoren sein, spricht man über Karrieren von Spitzenpferden. Auch Donnerhall hat von Väterchen Zufall profitiert. Mehr als einmal. Als die Stute Ninette am 30.5.1981 fohlt, ist Züchter Otto Gärtner zur Stelle, wie stets. In Wensin bei Traventhal hat er einen kleinen Stall und ein paar Weiden. Satter, guter Boden. Die Holsteinische Schweiz ist nicht nur während der Rapsblüte ein schöner Landstrich. Eine Gegend, die förmlich danach schreit, Stuten und Fohlen zu beherbergen. Otto Gärtner gehört nicht zu den großen Züchtern, die mit fünf oder mehr Stuten züchten. Mal sind es zwei, mal drei Stuten - je nachdem wieviele Stutfohlen zur Welt kommen, und wieviel er sich von den kleinen Stütchen verspricht. Ob er sie aufziehen möchte, ob sie selbst einmal Zuchtstuten werden sollen. Dabei ist Gärtner ein Mann mit Prinzipien: "Hauptsache: schwarz". Sein Faible für Rappen liegt in der Kindheit begründet: Gärtner stammt aus Schlesien, vor dem Krieg das Nachzuchtgebiet der Oldenburger. Schwere, kalibrige Karrossiers - von Sport, von Springen oder Dressur, ist da noch lange nicht die Rede. Der kleine Otto wächst mit der Vorstellung auf: Ein Pferd ist schwarz, kräftig und zeigt - vor der Kutsche - viel Dynamik. Legt sich richtig in die Stränge und begeistert durch die charakteristische Knieaktion. Nicht übertrieben, aber genügend ausgeprägt. Ein Oldenburger eben.
Über ein Jahrzehnt ein Ergfolgstrio Und die züchtet Otto Gärtner auch in seiner neuen Heimat Ostholstein. Lange mußte er suchen, bis er eine Stute findet, die all diese Merkmale aufweist: Ninette. Eine Oldenburger Stute aus der Umzüchtungsphase: Ihr Vater Markus ist Halbblüter, stammt von Manolete xx ab. Einem Schlenderhaner, der sich auch in dem Pedigree der Militarylegende Volturno wiederfindet - übrigens ein Vererber, der sogar noch vor Donnerhalls Einstand Zucht und Sport zusammenbrachte. Ninette kann Manolete xx nicht verleugnen. Geht man auf Blickkontakt, dann ist da das große schwarze Auge des Vollblüters, das einem offen entgegenstrahlt. Auch sonst kann Ninette ihre Vorfahren nicht abstreiten. Über 100 Jahre züchterisches Engagement fließen in ihren Adern. Alle Stuten ihrer Familie beginnen mit dem Buchstaben N - Indiz für die Pflege eines Stutenstamms in jenem Zuchtgebiet, das seit Jahrhunderten auf private Hengsthaltung setzt. Daß die Residenzstadt OIdenburg vom 30jährigen Krieg unberührt blieb, verdanken die Oldenburger einem ganz besonderen Geschenk an die marodierenden Truppen unter General Tilly: Pferde schenkte der Herzog, sie stimmten den Wüterich sanft, ließen ihn in Wardenburg, kurz vorm südlichen Stadttor verharren.
Donnerhall als 9jähriger Hengst Legende oder historische Wahrheit? Die Geschichtsschreiber sind sich einig. Schwarz auf weiß kann man es in den Chroniken nachlesen. Bis in die Zeit des Grafen Anton Günther zurück lassen sich die Spuren der Familie, die einmal den umjubelten DLG-Siegerhengst Donnerhall hervorbringen sollte, nicht verfolgen. Aber bis ins 19. Jahrhundert: 1884 ist als Geburtsdatum für Nagate, eine Tochter des Hengstes Naumann, in den alten Stutbüchern des Verbandes der Züchter des Oldenburger Pferdes verzeichnet. Auch wenn die Tinte ein wenig verblaßt ist, sieht man den geschwungenen Lettern an, mit wieviel Mühe der Name zu Papier gebracht wurde. Schönschrift statt elektronischer Datenverarbeitung. Nagate ist bei Esensham zuhause. Ein kleiner Flecken in der Wesermarsch. Zwischen der Weser und dem Jadebusen. Rodenkirchen - heute eher unbedeutend und nur durch das nahegelegene Atomkraftwerk Unterweser in den 80er Jahren in den Schlagzeilen - ist nicht weit. Und Rodenkirchen ist Sitz des Nordoldenburger Pferdezuchtverbandes. Eine Organisation mit weltweitem Ruf. Was heute der Klassiker aus Sindelfingen ist, der gute Stern nicht nur auf deutschen Straßen, das ist damals das Kutschpferd aus den Marschen Nordoldenburgs. Ein Statussymbol, ein Kultobjekt. Damals wie heute gilt: Man fährt schwarz, lackschwarz. Die Linie der Nagate zeichnet sich durch Langlebigkeit aus: Beim Blättern in den alten Bänden, die heute im Tresor lagern beim "Verband der Züchter des Oldenburger Pferdes", trifft man sie immer wieder: Stuten mit dem "N" am Anfang, die vielen Fohlen das Leben geschenkt haben. Verkäufe ins Ausland sind notiert. Um 1910, als das deutsche Kaiserreich in seinen letzten Zügen liegt. In den schwierigen Jahren des ersten Weltkriegs heißt es Dienst fürs Vaterland leisten - Stuten werden an die Kavallerie abgegeben.
Donnerhall, 9jährig Aber der Stamm überlebt die Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile weitverzweigt, über das gesamte Oldenburger Zuchtgebiet, das aus dem Nord- und dem Südoldenburger Pferdezuchtverband fusioniert ist. Otto Gärtners Ninette ist am Dümmer, also kurz vor Osnabrück geboren. Sie ist schwarz, sie läßt Kindheitserinnerungen an die Jugend in Schlesien wach werden. Also wird sie gekauft. Erste Bedeckung: Furore, einer der ersten Furioso II-Söhne. Ein Rappe, was sonst. Es fällt ein Stutfohlen, ebenfalls Rappe. Herz, was willst Du mehr... 1980 steht ein junger Hengst auf dem Grönwohldhof. Ein Hannoveraner. Pechschwarz - und schon das macht ihn für Gärtner interessant. Als der Hengst sich dann in Bewegung setzt, sind alle Zweifel zerstreut: "Donnerwetter!". Der soll's sein. Nomen est omen. Ninettes Partner, Donnerwetter, stammt von Disput ab. Otto Schulte-Frohlinde hat den Hengst auf dem Verdener Hengstmarkt erstanden von Günter Pape aus Hemmoor. Ninette wird tragend und bringt ein Hengstfohlen zur Welt. Ihren ersten Sohn: Am 30. Mai 1981 wird das Fohlen geboren, das einmal DLG-Siegerhengst werden soll, Deutscher Meister, Mannschaftsweltmeister. Doch der Züchter ist erst einmal geschockt: Da kommt eine weiße Nasenspitze zum Vorschein und als das Fohlen im Stroh liegt erhärtet sich der Verdacht: Ein Fuchs. Rappe mal Rappe; und dann ein Fuchs! Immerhin ein Dunkelfuchs. Bestürzung bei Otto Gärtner. Einmal noch läßt er Ninette von Donnerwetter decken. Und wieder ein Fuchs: Discovery ist mittlerweile siegreich in S-Dressuren. Dennoch entscheidet sich Otto Gärtner, den Hengst zu wechseln: Wanderfalk, der ist schwarz - das 1984 geborene Hengstfohlen - ebenfalls ein Fuchs - ist kein halbes Jahr alt, da sorgt sein älterer Bruder das erste Mal für Schlagzeilen. Auf der Hengstleistungsprüfung in Adelheidsdorf erzielt Donnerhall das zweitbeste Resultat - Reservesieger. In der Rittigkeit - 9,5 - unschlagbar.
Doch der Weg von den Weiden bei Züchter Otto Gärtner in Travenhorst über den Grönwohldhof in die Hengstleistungsprüfung verläuft alles andere als stringent. Auf Umwegen erst kommt Donnerhall auf den Grönwohldhof. Das auffällige Hengstfohlen - Züchter Gärtner erinnert sich gerne an die Anhänglichkeit, die Donnerhall von Anfang an ausgezeichnet hat - soll verkauft werden. Es findet sich auch ein prominenter Kaufinteressent: Bernhard Huslage aus dem südoldenburgischen Brokstreek kommt in seiner Tätigkeit als Körkommissar nach Holstein, um die in der Exklave gezogenen Fohlen zu begutachten. Der Dunkelfuchs mit den großen, dunklen Augen fällt ihm sofort auf. Huslage und Gärtner werden handelseinig: 5.000 Mark soll der Hengst kosten, der übrigens so kräftig zuckt als das Brenneisen sich ihm nähert, daß das gekrönte O fortan mit deutlicher Schieflage auf seinem Hinterschenkel prangen soll. Alle weiteren Formalitäten, so die Absprache, sollen über den damaligen Zuchtleiter des Oldenburger Pferdezuchtverbandes, Dr. Roland Ramsauer, abgewickelt werden. Ein vielbeschäftigter Mann, der auch schon mal etwas vergessen kann: Bürostreß. Verschiedene Male ruft Otto Gärtner in Oldenburg an; immer vergißt Dr. Ramsauer die ihm aufgetragenen Nachrichten weiterzuleiten. Gärtner muß davon ausgehen, daß Huslage abgesprungen, sein Interesse an dem Donnerwetter-Fohlen erloschen ist. Glück im Unglück: Otto Schulte-Frohlinde möchte das Dunkelfuchs-Fohlen. Donnerhall kommt auf den Grönwohldhof, wird dort als Hengst aufgezogen. Im Herbst treffen sich Bernhard Huslage und Otto Gärtner. Der Züchter möchte wissen, warum der Körkommissar denn den Hengst nicht mehr hatte haben wollen. Bernhard Huslage erfährt erst jetzt von den Telefonaten und dem Versäumnis von Dr. Roland Ransauer. Er knöpft sich den Zuchtleiter vor. Dennoch, so resümiert er heute, sei es eigentlich eine Glückssache, daß nicht er, sondern der Grönwohldhof den Hengst bekommen hat. "Bei mir wäre Donnerhall ja nie das geworden, was er geworden ist". Was alles in dem Pferd steckt, das vor allem durch die tief dunkle Jacke, die satte, braunrote Fuchsfarbe auffällt, ist den Körkommissaren 1983 bei der Körung noch nicht bewußt. Heute schwärmen sie zwar - damals aber lautete das Urteil gerade einmal: "gekört". Mehr nicht, für die Prämierung kamen andere in Frage. Die Strahlemänner der Junghengstkörung 83, Welttraum und Fernblick mit Namen, kennt heute kaum noch jemand. Aber sie sind reif, proper - der kleine Donnerhall hingegen ist noch recht schmal, die Halsung noch längst nicht so ausgeprägt. Und die Oberlinie - die ruft natürlich die Korrektheitsfanatiker auf den Plan. Schwamm drüber - welches Genie wird schon auf Anhieb erkannt. Wunderkinder stehen früh im Rampenlicht: Ein Titel, der Donnerhall dreieinhalbjährig zuerkannt wird. In der Heidelandschaft vor den Toren Celles mögen die Gestütswärter den Dunkelfuchs, der langsam erwachsener wird, mehr und mehr seine Partien auszufüllen versteht. Nach 90 Tagen zeichnet es sich ab: Donnerhall wird auf jeden Fall eine der besten Prüfungen des Adelheidsdorfer Jahrgangs 1984 ablegen. Nur wie gut? Gespannt verfolgt Otto Gärtner die Runde seines Hengstes im Parcours. Daß er in der Dressur souverän an der Spitze stehen würde, daran zweifelt niemand. Aber die bunten Stangen? Gerd Folkers, Mitglied der Körkommission, plagen da Zweifel. Nicht so Otto Gärtner: "Der schmeißt keine Stange runter, der ist ja mit Deister verwandt". Glück oder züchterische Intention - Donnerhall bleibt fehlerfrei. Reservesieger der Hengstleistungsprüfung. Die Freude ist groß. Nicht nur beim Züchter, auch beim Besitzer. Otto Schulte-Frohlinde schließt den Fuchs ins Herz. Sympathie, von der auch Otto Gärtner profitieren soll: Auf die alljährliche Entenjagd wird der Mann aus Travenhorst fortan stets eingeladen. Donnerhall gedeiht prächtig. Er wechselt in den Dressurstall. Bei Karin und Herbert Rehbein entwickelt er sich schnell zum Liebling der Stallgasse: "Donni". Eine Persönlichkeit von Anfang an. Einfach in der Arbeit, lerneifrig. "Das Volk wollte ihn einfach" erinnert sich Körkommissar Bernhard Huslage. Und Kollege Folkers ergänzt: "Das war ein Mordshallodri, jedes Mal, wenn Donnerhall die Halle betrat." Die Zuschauermeinung geht auch auf die Jury über. Während die deutschen Vertreter sich ein bißchen an den Gebäudeschwächen in der Oberlinie stören und immer wieder gen World Cup I schielen, gibt es für den Holländer van der Veen gar keine Diskussion: Dem Oldenburger gebührt die Krone! Karin Rehbein, die Donnerhall anschließend auch noch unterm Sattel in Hannover vorstellt, weiß es noch als wäre die Schau erst gestern entschieden worden. "Er ist ein Showman, er liebt die große Bühne, wenn die Leute mitgehen, dann kommt er erst so richtig in Schwung." Das war auch damals schon so, als Donnerhall noch nicht ein weitgereister Jetsetter war. Das Jahr 1990 - Donnerhalls Saison als neunjähriger - endet mit einer stolzen Erfolgsbilanz: 33 Siege in schweren Dressuren. Donnerhall kann sich langsam auch als Vererber mehr und mehr profilieren. Ein Sohn wird über die von Paul Schockemöhle und Ullrich Kasselmann veranstaltete PSI Auktion verkauft. Im Vechtaer Fohlenring tauchen auch hin und wieder Donnerhall-Nachkommen auf. Donnerschlag, bei Günther Pape in Hemmoor aus der Pik Bube-Schwester Pirola gezogen, wird Ie Prämienhengst und absolviert seine Leistungsprüfung als viertbester. Ein züchterischer Volltreffer wie sich später herausstellen soll. Für das Gestüt St. Ludwig ein Dauerbrenner. Das Rheinland gehört dank Donnerschlag und seinen Söhnen zu den ersten Zuchtgebieten außerhalb Oldenburgs, das von Donnerhalls Vererbungskraft profitiert. Auch die Züchter im angrenzenden Holland recken die Hälse - Donnerschlag und sein Sohn Dream of Heidelberg gehören seit Jahren zu den populärsten Beschälern im Westen Deutschlands.
Donnerhall und Otto Schulte-Frohlinde Die Bundeschampionate '92 in Verden gehen als "Donnerhall-Festival" in die Annalen ein: Bei den Dreijährigen wird Primavera (Mutter v. Pik König) Dritte. Ihr gelingt der seltene Erfolg, zuvor im Rasteder Schloßpark sowohl das Reitpferdechampionat zu gewinnen als auch zur Oldenburger Siegerstute auserkoren zu werden. Hallo hat eine Vollschwester namens Highnoon. Eines der ersten Pferde, das für Donnerhalls Vererbungsqualitäten Reklame macht. Als junges Pferd auf dem Grönwohldhof in Ausbildung, qualifiziert sie sich für die Bundeschampionate des Deutschen Dressurpferdes in München und Verden. In Verden reitet Julia Westphal die Stute, die auch in ihrem Besitz steht, auf den vierten Platz des Championats. Mittlerweile hat Highnoon sich im Grand Prix Sport etablieren können. Sie ist ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, besonders in den Lektionen höchster Versammlung gleichen sich die Silhouetten. Unter Herbert Boger konnte die Stute 1998 viele internationale Placierungen erringen. Zurück zum Sport: Die Rehbeins sind bescheidene Leute. In einem Metier, das sich immer mehr durch Querelen, durch wer-mit-wem-auf wessen-Pferd in der Öffentlichkeit darstellt, bilden sie eine Ausnahme. Sie bilden ihre Pferde solide aus und stellen sich dem Wettbewerb. Sich anzubiedern, das ist nicht ihr Stil. Leistung zählt. Die Leistung im Dressurviereck, nicht am Rand desselben. Vielleicht – so Insider - ist hier der Grund zu sehen, warum Donnerhall bei der Auswahl zu internationalen Championaten immer nur als Ersatzpferd nominiert wird oder als "sechstes Rad am Wagen" gar nicht erst ins Team kommt.
Der erste Tag der Weltreiterspiele. Auf dem Programm: der Grand Prix, genauer die erste Hälfte. Die Prüfung wird an zwei Tagen geritten. Donnerhall ist der letzte Starter der ersten Hälfte. Die Sonne verabschiedet sich allmählich. Ein goldener Schimmer liegt über dem Zuiderpark-Stadion von Den Haag. Die Ränge sind dichtbesetzt. Nicht nur die aus Deutschland angereisten Fans wollen Donnerhall sehen. Aufgrund seiner Popularität als Deckhengst in Benelux sind auch die Niederländer, die Belgier sowie Dressurfreaks aus Übersee wie elektrisiert. Mit 1675 Punkten verlassen beide das Viereck. Mannschaftsgold, wie sich am nächsten Tag herausstellt. Insgesamt das siebtbeste Resultat. Die Reiter müssen sich entscheiden: Grand Prix Special oder Kür? In beiden Disziplinen werden die Weltmeister gesucht. Donnerhall geht Kür. Musical-Melodien begleiten die mit technischen Schwierigkeiten gespickte Vorstellung. "One singular sensation every step that he makes" – jeder Schritt eine Sensation. Der Titelsong aus "A Chorus Line" beflügelt die Oldenburger. 45 Goloppwechsel von Sprung zu Sprung. Passage-Traversalen und Piaffe-Pirouetten. Der Musterschüler steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Die Grußaufstellung, exakt auf den letzten Akkord der Musik. Karin Rehbein nimmt die Zügel in eine Hand, nickt. Ohrenbetäubender Jubel im Stadion. Während seine Frau winkend das Viereck verläßt – Donnerhall sich im Applaus zu sonnen scheint – wischt sich Herbert Rehbein, der schon so viele internationale Dressurcracks entdeckt, gefördert und auf Medaillenkurs gebracht hat, verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. "Danke Donni". Das Problem des Dressursports ist die Disziplin. Die Disziplin, die dem Publikum abverlangt wird: Wenn in einem Grand Prix die Einerwechsel wunderbar, schnurgerade und bergauf gesprungen gelingen, darf nicht geklatscht werden. Wenn im Grand Prix Special die abschließenden Passage-Volten und die Piaffe in X einem einen Schauer über den Rücken jagen, muß man verharren. Erst wenn der Gruß die Vorstellung beendet hat, dürfen die Zuschauer aus sich herauskommen. Das kann schon einmal auf Kosten der Spontanität, der Reaktion auf unmittelbar Erlebtes gehen. Andererseits gilt der Gesamteindruck. Wer in einer Klaviersonate schon nach dem ersten Satz frenetischen Applaus spendet, wird den Groll der anderen Zuhörer auf sich ziehen. Warum dieser Vergleich zwischen klassischer Musik und klassischer Reitkunst? Nur um Donnerhall, den Virtuosen, zu würdigen. Denn wie stark die Ausstrahlung des Kraftpakets in der dunklen Fuchsjacke sein kann, hat ein Abend auf dem Oldenburger Landesturnier in Rastede gezeigt.
Die Donnerhall-Bronze einige Tage nach der Fertigstellung (aufgenommen im Winter 1997/98 auf dem Hof von Bernd Eylers) Samstagabend: Die Ränge sind voll besetzt. Unter Flutlicht läuft ein buntes Schauprogramm: Fohlen, Materialpferde, junge Stuten an der Hand. Donnerhall ist der Stargast dieser Nacht. 22.00 Uhr – der Wettergott, nicht gerade typisch für das Landesturnier, hat ein Einsehen mit den gut 8.000 Zuschauern – eine laue Sommernacht. Flutlicht taucht die Szene in gleißendes Weiß. Bunt bepflanzte Kübel umreißen ein Viereck. Die Musik setzt ein. Polkarhythmen aus dem Hause Strauß. Dann kommt Donnerhall. Sein Fell glänzt, das Licht betont die austrainierte, muskulöse Gestalt. Drei, vier vielleicht fünf Minuten folgen die Zuschauer Donnerhalls Vorführung. Plötzlich springen die ersten auf, hüpfen über die Umzäunung. Sie wollen näher dran sein. Keine 60 Sekunden später drängeln sich die Menschen um das Viereck. Sie klatschen im Takt, Donnerhall kommt richtig in Fahrt: Passage, Piaffe. Energisch fußt der Fuchs ab. Power total! Alles federt. Alle sind begeistert.
Donnerhall bei Mal sehen, ob auch diese Enkel Donnerhalls der Tradition ihres Vaters bei der Hengstleistungsprüfung werden nacheifern können. Bei den dreijährigen Hengsten führten über die Hälfte aller Finalisten Donnerhall-Blut. Dream of Glory stellt mit dem Hannoveraner Dreamy’s Dream und dem Württemberger Dr. Jackson den Bundeschampion und den Dritten des Finales der dreijährigen Hengste, Vize-Champion bei den Stuten und Wallachen wird die Don Primero-Tochter Donna Primera aus dem Zuchtgebiet Zweibrücken. Donnerhall und seine Söhne wirken eben bundesweit befruchtend.
Die erste Sensation: 1995 – während der 43. Elite-Auktion in Vechta: Bei den Fohlen tanzt ein Hengstfohlen mit der Katalognummer 17 in die Halle. Ein Donnerhall vom Scheitel bis zur Sohle. Man muß dem kleinen Mann nur ins Gesicht schauen. Unverkennbar! Seine Mutter stammt – wie könnte es anders sein- von Pik Bube ab. "Donovan Bailey" hat Uwe Heckmann den Youngster getauft. Schließlich ist der gerade Weltmeister bei der Leichtathletik WM geworden. Man muß an Morgen denken und in die Zukunft investieren. Einmal mehr bleibt im Bieterduell einzig die Hand Adrie Gordijns am längsten in der Luft. Resigniert notieren sich die Widersacher den Preis des Fohlens in ihre Kataloge: 130.000,-- DM. 1998 nimmt der Fuchs am Bundeschampionat teil und wird über die PSI-Auktion versteigert. Der Dunkelfuchs namens Diamant trägt das bayrische Brandzeichen, seine Mutter stammt von dem Bolero-Sohn Bolschoi ab. Für eine runde Million Mark wird der Fuchs nach Bonn verkauft. Gummibärchen-Tycoon Haribo hat zugeschlagen. Entdeckt hat Ulrich Kasselmann den kalibrigen Fuchs bei einem Händler. Dorthin hatte der Züchter den Wallach verkauft, nachdem die bayrische Auswahlkommission für Auktionen den Fuchs zweimal abgeschmettert hatte, wegen "Unrittigkeit" – was ausgerechnet für einen Donnerhallsohn eine recht ungewohnte Eigenschaft darstellt. Aber in Bayern ist halt manches anders.... Der in Hannover gezogene Don Gregory, der im oldenburgischen Cappeln stationiert ist, schickt sich an, als Vererber und im Sport auf Donnerhalls Spuren zu wandeln. In Kiel gewann er 1996, damals noch unter Martina Hannöver, den Grand Prix, ist also bereits ein "klassischer Sieger" – züchterisch trumpft er seitdem auf: Daydream, aus der Trakehnerstute Cinderella gezogen, war Spitzenpferd in Vechta und dominierte im darauffolgenden Sommer die Hengstleistungsprüfung in Medingen. Ihm folgten gleich mehrere, die den Sprung in den "Club der Hunderttausender" geschafft haben. Don Gregorys Vererbungskraft ist noch längst nicht verhallt, da donnert der nächste Hengst an die Tür, beansprucht ein eigenes Kapitel im großen Buch mit der Überschrift: "Linienbegründer Donnerhall": De Niro.
Donnerhall und Maxim 1996 stand er ganz vorne bei der Hengstleistungsprüfung in Adelheidsdorf: Der hannoversche Rappe gewann mit 145 Punkten den Teilindex Rittigkeit und wurde insgesamt Reservesieger. Er stellte hoch bezahlte Fohlen und wurde 1997 in Oldenburg als Viereinhalbjähriger zum Siegerhengst ausgerufen: Eigenleistung und Nachkommenschaft ließen De Niro als Titelträger über jeden Zweifel erhaben.
Donnerhall und Peter Wandschneider Szenen wie diese wiederholen sich in den folgenden Wochen. Die große Abschiedstournee durch ganz Deutschland – ein Triumph aller Orten. In der Stuttgarter Schleyerhalle am vorletzten Novemberwochenende genauso wie – vor heimischen Publikum – in Schleswig-Holstein, in der Kieler Ostseehalle am ersten Advent. Jan Tönjes |

















