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Geschichte und Gegenwart der deutschen Haupt-
und Landgestüte
Mehrheitlich entwickelten sich die Staatsgestüte aus
den Hofgestüten des Adels, die vornehmlich zwischen dem 16. und
18. Jahrhundert mit dem Ziel errichtet wurden, den umfangreichen
Pferdebedarf bei Hofe zu garantieren. Von gewisser Bedeutung, vor
allem in Süddeutschland, waren aber auch einige Klostergestüte.
Die bäuerliche Pferdezucht war auf das Wohlwollen des jeweiligen
Landesherren angewiesen, während der Aufbau privater Gestüte erst
im frühen 19. Jahrhundert einsetzte.
Nach Gründung der staatlichen Gestütsverwaltung in Frankreich (1665)
durch Finanzminister Colbert auf Anordnung von Ludwig XIV. entstanden
in relativ schneller Folge auch im gesamten deutschsprachigem Raum
Gestüte, in denen man Hengste unterschiedlichster Populationen einsetzte,
darunter arabischer, spanischer und neapolitanischer Herkunft, da
man sich von deren Nachkommen leichtere und wendigere Pferde versprach,
gehörte doch die Ära des Rittertums und der damit verbundene Einsatz
schwerer Kriegsrösser inzwischen der Vergangenheit an.
Auf Dauer konnte die zunehmende Nachfrage an Pferden
für das Militär und die Landwirtschaft durch die Hofgestüte nur
noch bedingt befriedigt werden, so dass die Gründung staatlicher
Gestüte eine nahezu zwangsläufige Folge war.
Unter dem als sparsam geltenden Friedrich Wilhelm I. (1713 - 1740)
manifestierte sich die Führungsmacht Preussens unter anderem durch
die Errichtung der preussischen Gestütsverwaltung (1732) und der
zeitgleichen Gründung des Hof-gestüts Trakehnen, das zunächst nicht
der Verbesserung der Landespferdezucht diente, sondern ausschließlich
der Versorgung des Hofes und des Militärs mit geeigneten Pferden.
Sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., beauftragte Carl-Heinrich
Graf von Lindenau, Oberlandstallmeister von 1786 bis 1806, mit der
Reorganisation der preussischen Gestütsverwaltung, die bei seinem
Amtsantritt drei Hauptgestüte (Hengsthaltung und Stutenherde) und
15 Landgestüte (nur Hengsthaltung) umfasste. Während in der 2. Hälfte
des 19. Jahrhunderts infolge der Technisierung ein deutlicher Rückgang
in der Pferdezucht zu verzeichnen war, nahm in der 1. Hälfte des
20. Jahrhunderts die Nachfrage nach schweren Arbeitspferden deutlich
zu. Den sich stetig ändernden Erfordernissen trugen die Haupt- und
Landgestüte durch die Aufstellung geeigneter Hengste Rechnung und
waren von daher, nicht zuletzt auf den im 20. Jahrhundert einsetzenden
Reitsport reagierend, federführend bei der Umstellung des Zuchtziels
vom Wirtschaftspferd zum vielseitig einsetzbaren Reitpferd.
Bedingt durch den Ausgang des 2. Weltkriegs gingen
zahlreiche Gestüte verloren, darunter die Hauptgestüte Trakehnen,
Neustadt a.d. Dosse und Graditz. Anfang der sechziger Jahre des
20. Jahrhunderts erreichte die Pferdezucht als Folge der zunehmenden
Motorisierung in der Landwirtschaft ihren absoluten Tiefstand: Zahlreiche
Gestüte wurden aufgelöst, so dass in der damaligen Bundesrepublik
letztlich nur noch sechs Staatsgestüte übrig blieben, deren Existenz
und langfristiges Überleben angesichts der immer zahlreicher werdenden
Privatgestüte und privaten Deckstationen durchaus nicht gesichert
erschien. Durch die deutsche Wiedervereinigung (1990) erhöhte sich
die Zahl der Staatsgestüte im Laufe der Jahre auf elf. Sie sind
durchgängig dem zuständigen Landwirtschaftsministerium unterstellt.
Primäre Aufgabe der Landgestüte war und ist es von
jeher, den bäuerlichen Züchtern für eine relativ geringe Decktaxe
selektierte und leistungsgeprüfte Hengste zwecks Verbesserung ihrer
Zucht zur Verfügung zu stellen. Zugleich sind die Landgestüte aber
auch Ausbildungsbetriebe für angehende Pferdewirte mit dem Schwerpunkt
Zucht und Haltung und/oder Reiten. Das Ausbildungsniveau von Reitern
und Hengsten ist beachtlich, ausgewiesen unter anderem durch Erfolge
auf Bundeschampionaten und im allgemeinen Turniersport. Besonders
erwähnenswert ist die Pflege der Fahrkunst, die teilweise auf hohem
Niveau betrieben wird. Die durchgängig hervorragend gepflegten Gestütsanlagen
mit ihrer historischen Bausubstanz aus verschiedenen Stilepochen
stehen ausnahmslos unter Denkmalschutz und ziehen nicht nur anläßlich
der alljährlichen Hengstparaden tausende von Besuchern an.
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